In vielen Tenants, die ich begleite, kommt die Begeisterung für Copilot mit dem Lizenzkauf auf. Sobald die ersten Berechtigungen verteilt sind, ist sie oft schon wieder verflogen. Im Alltag merkt man dann schnell, dass die eigentliche Arbeit erst nach der Lizenzzuweisung anfängt. Viele Teams warten ab oder greifen nur gelegentlich zu Copilot, weil sie nicht sehen, was ihnen das Werkzeug bei ihrer täglichen Arbeit konkret bringt. Das kann ich gut nachvollziehen: Zwischen den Versprechen aus dem Marketing und der Produktivität, die im Büro tatsächlich ankommt, liegt häufig ein deutlicher Abstand.
Jede Abteilung braucht ihre eigenen Copilot-Szenarien
Voran kommt die Copilot-Adoption vor allem mit Anwendungsfällen, die genau zur jeweiligen Abteilung passen. Eine allgemeine Schulung zum „Prompten in Copilot“ bringt wenig, solange niemand weiß, welche Aufgaben im eigenen Bereich damit schneller, besser oder einfacher erledigt sind. Gut gefahren bin ich damit, die Szenarien gemeinsam mit den Fachbereichen zu erarbeiten. Als Ideenquelle eignet sich die Microsoft Copilot Scenario Library, mit der aus vagen Schlagworten greifbare Beispiele werden. Das HR-Team interessiert sich etwa für Zusammenfassungen von Besprechungen, der Vertrieb möchte Angebote schneller fertig haben. Wer einmal erlebt hat, wie ein Copilot-Flow sein ganz konkretes Problem löst, ist auch bereit, eingespielte Routinen zu ändern.
Champions und die Prompt-Galerie tragen das Praxiswissen in die Breite
Genauso wichtig wie die Szenarien ist Unterstützung direkt in den Teams. Ohne eine Champions-Community, also Anwender:innen, die Copilot selbst täglich einsetzen und ihre Erfahrungen weitergeben, bleibt die Adoption oft ein Strohfeuer. Ein Netzwerk über Abteilungsgrenzen hinweg, das beim Prompten hilft und bewährte Vorgehensweisen weiterreicht, zahlt sich deshalb aus. Unterschätzt wird häufig die Copilot Prompt Gallery. Sie enthält erprobte Prompts, die man mit wenig Aufwand an den eigenen Kontext anpassen kann. Damit lässt sich die berüchtigte „Prompt-Schreibblockade“ umgehen, die viele in den ersten Wochen erleben.
Usage Reports und Copilot Dashboard machen die echte Nutzung messbar
Ob ein Rollout gelungen ist, lässt sich an der Zahl der zugewiesenen Lizenzen nicht ablesen. Entscheidend ist, wie viel Copilot im Alltag tatsächlich genutzt wird. Seit dem Frühsommer 2024 liefern die Microsoft 365 Copilot Usage Reports im Microsoft 365 Admin Center dazu erstmals brauchbare Daten. Man sieht dort, welche Gruppen Copilot regelmäßig verwenden und wo noch Nachholbedarf besteht. Tiefer geht das Copilot Dashboard in Viva Insights, das ab dem Frühjahr zusätzlich Nutzungsmuster, Szenarien und Trends auswertet (Dokumentation).
flowchart TD
Lizenzvergabe["Lizenzen vergeben"] --> Szenarien["Fachspezifische Szenarien finden"]
Szenarien --> Champions["Champions-Netzwerk etablieren"]
Champions --> Prompts["Prompt-Galerie nutzen"]
Prompts --> Nutzung["Aktive Nutzung fördern"]
Nutzung --> Messen["Nutzung messen und nachsteuern"]
Messen --> Lizenzpflege["Lizenzen neu zuweisen"]
Abbildung: So verläuft eine erfolgreiche Copilot-Adoption typischerweise, von der Lizenzvergabe bis zum Nachsteuern.
Nur wenn diese Schritte ineinandergreifen, verläuft die Adoption nicht im Sande. Ich ziehe die Berichte regelmäßig heran, um gezielt auf Bereiche mit wenig Aktivität zuzugehen und nach den Gründen zu fragen. Meist fehlen passende Szenarien, oder die Leute sind bei der Bedienung noch unsicher.
Ungenutzte Lizenzen gehören umverteilt, und die Erwartungen brauchen klare Grenzen
In den ersten Monaten nach dem Rollout stellt sich häufig heraus, dass ein Teil der Lizenzen ungenutzt bleibt. Dank der neuen Nutzungsberichte ist endlich nachvollziehbar, wo Copilot im Einsatz ist und wo nicht. Lizenzen lassen sich dann gezielt entziehen und an weitere Pilotgruppen vergeben. Das senkt die Kosten und stärkt die Akzeptanz, weil die Lizenzen nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden. Dabei sollte man die Erwartungen von Anfang an klar steuern. Copilot kann nicht alles, und bestehende Prozesse ersetzt es schon gar nicht auf Knopfdruck. Außerdem erwarten viele Betriebsräte konkrete technische und organisatorische Maßnahmen. Bewährt hat es sich, früh gemeinsam festzulegen, welche Copilot-Funktionen zugelassen, protokolliert oder eingeschränkt werden (siehe auch /blog/copilot-betriebsrat-technische-massnahmen).
Praktischer Tipp: Bietet in der Champions-Community kurze Walkthrough-Sessions an, in denen ihr echte Prompt-Beispiele in Teams, Outlook oder Word live ausprobiert. Die Hemmschwelle, Copilot selbst zu nutzen, sinkt dadurch spürbar.
Copilot-Adoption bleibt ein fortlaufender Prozess und kein einmaliges Ereignis
Copilot einzuführen ist kein Sprint. Es ist ein Prozess, der nicht aufhört. Wer die Adoption als einmaligen Rollout behandelt, sitzt bald auf ungenutzten Lizenzen und frustrierten Anwendern. Besser startet man mit Bereichen, die echte Szenarien mitbringen, baut parallel eine Community auf und überprüft die Wirkung in regelmäßigen Abständen (mehr dazu im Beitrag zur Pilotplanung und zu den Nutzungsreports). Ebenso wichtig ist es, beweglich zu bleiben, denn Anforderungen, Szenarien und auch die Akzeptanz verändern sich mit der Zeit. Deshalb braucht die Copilot-Adoption einen langen Atem und ist mehr als ein Projekt der IT-Abteilung.


